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Indiens neue National Education Policy

30. September 2020

Die im Sommer 2020 verabschiedete neue National Education Policy (NEP) ist eine umfangreiche Maßnahme als Reaktion auf die wachsenden entwicklungspolitischen Bedürfnisse Indiens. Sie würdigt Indiens weltweite Führungsposition im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie und in anderen Spitzenbereichen, wie der Raumfahrt. 

Die neue NEP sieht vor, sämtliche Aspekte der Bildungsstruktur einschließlich ihrer Regulierung und Steuerung zu überarbeiten. Damit soll ein neues System geschaffen werden, das auf die Ziele der Bildung des 21. Jahrhunderts ausgerichtet ist. Außerdem ist mit dem neuen Regelwerk geplant, eine indische Hochschulbildungskommission als einziges übergreifendes Dachgremium für die gesamte Hochschulbildung einzurichten. Ausgenommen davon wären nur die medizinische und juristische Bildung.

Bündelung der unterschiedlichen Hochschultypen

Gegenwärtig wird in Indien zwischen acht Universitätstypen unterschieden – basierend auf der jeweiligen Finanzierung der Universitäten, d.h. staatliche, zentrale oder private Finanzierung. Zudem gibt es in Indien ca. 40.000 Colleges, die keine Abschlüsse vergeben und aus diesem Grund an andere Institutionen angeschlossen sind. Die neue NEP hat das Ziel, die acht Hochschultypen in drei Kategorien zusammenzufassen:

  • Typ 1: Forschungsuniversitäten – Diese sollen Weltklasse-Renommee erreichen und mit globalen Institutionen konkurrieren. 
  • Typ 2: Lehruniversitäten – Diese Universitäten sollen sich zukünftig noch stärker auf qualitativ hochwertige Lehre über Disziplinen und Programme hinweg konzentrieren, einschließlich Grund-, Master- und Doktoranden-, Berufs-, Berufsausbildungs-, Zertifikats- und Diplomstudiengänge. Darüber hinaus sollen sie gleichzeitig einen bedeutenden Beitrag zur Spitzenforschung leisten. 
  • Typ 3: Colleges – Diese Institutionen werden größtenteils Undergraduate-Programme durchführen und Zertifikats-, Diplom- und Studiengänge in der Berufsausbildung sowie in einigen Bereichen der Berufsausbildung anbieten.

Um sich zu für eine Promotion zu qualifizieren, wird zukünftig entweder ein Master- oder ein vierjähriger Bachelor-Abschluss mit Forschungsarbeit verlangt.

Die drei neuen Kategorien zur Vergabe von Hochschulabschlüssen würden daher zu einer größeren institutionellen Autonomie und einer neuen Nationalen Forschungsstiftung (NRF) führen, sowie zu einer verstärkten Verbindlichkeit, ausländische Universitäten im Rahmen einer Internationalisierungsoffensive in Indien zuzulassen.

NRF – Förderer einer starken Forschungskultur

Die NRF soll als Organ zur Förderung und zum Aufbau einer starken Forschungskultur und -kapazität eingerichtet werden. Sie soll auch die Aktivitäten im Technologiebereich ausbauen und eine Schlüsselrolle bei der Förderung der zentralen KI-Forschung, der Entwicklung und Einführung anwendungsorientierter Forschung sowie der Förderung internationaler Bemühungen zur Bewältigung globaler Herausforderungen spielen.

Eines der Hauptziele der NRF besteht darin, forschungsorientierte Universitäten zu identifizieren und zur Entwicklung modernster Forschungseinrichtungen beizutragen, um Wissenschaftlern innovative und zukunftsweisende Forschung zu ermöglichen. Das Bildungsministerium schlug vor, mit dem National Educational Technology Forum (NETF) ein autonomes Gremium einzurichten, das Schulen und Hochschulen eine freie Plattform für den Ideenaustausch zum Einsatz von Technologie zur Verbesserung des Lernens, der Bewertung, Planung und Verwaltung bieten soll. 

Um die Internationalisierung voranzutreiben, sollen die Institutionen mehr Autonomie erhalten, was die Möglichkeiten für Partnerschaften und den Austausch mit ausländischen Institutionen verändern wird. Indische Bildungseinrichtungen, wie die Indian Institutes of Technology (IITs) und die Indian Institutes of Management (IIMs), werden sich von monodisziplinären zu multidisziplinären Instituten wandeln.

Die IITs in Kharagpur, Delhi und Roorkee haben bereits damit begonnen, ihre Aktivitäten auf nicht-ingenieurwissenschaftliche Disziplinen auszuweiten. In der Hoffnung, dass ihre jungen Fakultätsmitglieder offen für Veränderungen sind, wird es den neu aufgestellten IITs leichter fallen, sich auf das NEP 2020 auszurichten. Interdisziplinarität, Flexibilität bei den Credit-Anforderungen, lateraler Ein- und Austritt, Internationalisierung und Studentenfokus sind Bereiche, die in den IITs tief verwurzelt sind. Die NRF strebt außerdem an, Apex-Bildungsinstitute, wie IITs und IIMs, in das Online-Bildungssystems zu integrieren.

Neue Chancen für internationale Universitäten in Indien

Um ausländische Universitäten in Indien aufzubauen, müssten zunächst Partnerschaftsvereinbarungen zwischen Indien und den jeweiligen internationalen Universitäten abgeschlossen werden. Danach müsste ein Gesetzesentwurf im Einklang mit der NEP eingebracht werden. Internationale Partnerschaften würden demnach so weiterlaufen wie bisher – mit dem Unterschied, dass die regulatorischen Hürden reduziert werden. Dabei könnte die Autonomie einer Institution mehr Austauschmöglichkeiten z.B. für Studenten oder Dozenten bedeuten.

Gemäß der NEP soll es ausgewählten ausländischen Universitäten, die beispielsweise zu den 100 besten Universitäten der Welt gehören, erleichtert werden, in Indien tätig zu werden. Diese Universitäten erhalten Freiräume in Bezug auf Regulierungs-, Führungs- und Inhaltsnormen, die denen anderer autonomer Institutionen in Indien entsprechen. 

Auch unter der NEP wird es keine starre Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, zwischen curricularen und extra-curricularen Aktivitäten, zwischen beruflichen und akademischen Richtungen geben. Undergraduate-Abschlüsse werden entweder drei- oder vierjährig sein und werden mehrere Ausstiegsoptionen innerhalb dieses Zeitraums vorsehen. 

Die Politik sieht vor, dass an ausländischen Universitäten erworbene Credits auf einen Abschluss in Indien angerechnet werden können und dass der Austausch von Studierenden und Forschenden zwischen indischen und globalen Institutionen erleichtert wird. Während das Bildungsministerium internationale Universitäten einlädt, nach Indien zu kommen und Campusse zu errichten, ermutigt es auch führende indische Institutionen, einen Campus im Ausland zu eröffnen.

Bildung ist in Indien immer noch eine staatliche Angelegenheit, weshalb jeder Staat neue Richtlinien genehmigen muss – was ein langer Prozess ist. Die Neuerungen durch die NEP 2020 wird es der TUM erleichtern, ihre Partnerschaften mit Instituten in Indien weiter zu vertiefen und ihre bestehenden Partnerschaften zu pflegen.

Quellen: