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Horizont Europa – Das 9. Europäische Rahmenprogramm für Forschung und Innovation

21. Januar 2021

Mit dem neuen Jahr ging das 8. Europäische Rahmenprogramm für Forschung und Innovation, besser bekannt als Horizont 2020, offiziell zu Ende. Die finanzielle Unterstützung geht aber selbstverständlich weiter: In den nächsten sieben Jahren wird das Nachfolgerprogramm Horizont Europa Forschung und Innovation mit einem Budget von rund 95,5 Milliarden Euro fördern. Der Prozess, der zu dieser Vereinbarung geführt hat, war alles andere als einfach.

Traditionell dauert der EU-Haushaltszyklus, mehrjähriger Finanzrahmen (kurz MFR) genannt sieben Jahre. Parallel dazu läuft das Europäische Rahmenprogramm für Forschung und Innovation. Es ist hauptsächlich Aufgabe der Europäischen Kommission und insbesondere ihrer Generaldirektion für Forschung und Innovation, den Inhalt des Programms zu gestalten und zu entscheiden, welche wissenschaftlichen Bereiche im Mittelpunkt der Finanzierung stehen sollen.

Der EU-Haushalt hängt stark von einer politischen Einigung zwischen der Europäischen Kommission, dem Europäischen Parlament und den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union ab. Diesmal war der Weg zu diesem politischen Abkommen – insbesondere vor dem Hintergrund des Brexits, der globalen Pandemie und der Rechtsstaatlichkeitsklausel – sehr holprig und langwierig. Obwohl es im Dezember 2020 eine Einigung gab, verspäteten die langen Verhandlungen den Prozess und es ist noch nicht ganz sicher, wann wir mit der Veröffentlichung der ersten Horizont-Europa-Ausschreibungen rechnen können. Das Programm „so bald wie möglich im Jahr 2021“ zu starten, ist das offiziell erklärte Ziel der Europäischen Kommission.

H2020 und sein Nachfolger: Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede

Besser spät als nie stellt das Abkommen in jedem Fall sicher, dass auch in den nächsten sieben Jahren exzellente Forschungs- und Innovationsprojekte von der Europäischen Union unterstützt werden können. Wenn man die Struktur von Horizont Europa betrachtet, findet man bekannte Module wieder, aber auch neu eingeführte Elemente. Die Europäische Kommission hat das neue Programm im Vergleich zu H2020 von Anfang an als "Evolution statt Revolution" bezeichnet.

Wie sein Vorgängerprogramm besteht auch Horizont Europa aus drei Säulen:

1) Excellent Science, einschließlich des Europäischen Forschungsrats (ERC), der Marie-Sklodowska-Curie-Aktionen (MSCA) und der Forschungsinfrastrukturen.

2) Global Challenges and European Industrial Competitiveness zur Stärkung der technologischen und industriellen Kapazitäten durch insgesamt sechs thematische Cluster, die das gesamte Spektrum globaler Herausforderungen (z. B. Gesundheit, Mobilität, Weltraum, Energie, Klima usw.) abdecken.

3) Innovative Europe mit dem Europäischen Innovationsrat (EIC), einer neuen Institution zur Unterstützung neu entstehender und bahnbrechender Innovationen durch kleine mittelständische Unternehmen (KMU), Start-ups und Midcaps. Das Europäische Institut für Innovation und Technologie (EIT) wird ebenfalls in diese dritte Säule integriert.

Die erste Säule wird es Europas besten Forscherinnen und Forschern ermöglichen, die Grenzen des Wissens zu erweitern, um wirtschaftliche und soziale Herausforderungen anzugehen und fördert darüber hinaus die besten Talente in ihren Fähigkeiten. Ergänzend dazu unterstützt die zweite Säule kollaborative Forschung, um Lösungen für die globalen Aufgaben der Zukunft zu finden.

Auf zu einem neuen Horizont

Neu unter Horizont Europa sind die so genannten Europäischen Missionen, mit deren Hilfe gemeinsame europäische Vorhaben verwirklicht werden sollen. Es wurden fünf Missionsgebiete identifiziert, mit dem Ziel „bis zum Jahr 2030 drei Millionen weniger Krebstote, 100 klimaneutrale Städte, gesunde Ozeane, gesunde Böden und Nahrungsmittel sowie für den Klimawandel gewappnete Regionen zu erreichen“, so die Europäische Kommission. Ein weiteres neues Element ist eine gestraffte Anzahl europäischer Partnerschaften. Während es unter Horizont 2020 zwischen der Europäischen Kommission und der Industrie eine nahezu unübersichtliche Anzahl von öffentlich-privaten Partnerschaften gab, wird hier eine deutlich geringere Anzahl strukturell angestrebt.

Mariya Gabriel, EU-Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend, ist sich sicher, dass „mit Horizont Europa die europäische Forschungsgemeinschaft und die Forschungseinrichtungen auf das weltweit umfangreichste Forschungs- und Innovationsprogramm zurückgreifen können, welches das wichtigste Instrument zur Stärkung unserer wissenschaftlichen und technologischen Basis ist.“

Grundlagenforschung vs. Innovation – Europäisches Parlament vs. Mitgliedsstaaten

Während der Verhandlungen wurde nicht nur der Gesamtbudget-Betrag für Horizont Europa diskutiert, sondern auch die Verteilung dieses Budgets auf die verschiedenen Säulen des Programms. Ursprünglich schlug die Europäische Kommission ein Gesamtbudget von 100 Milliarden Euro für die nächsten sieben Jahre vor, um die Wissenschaft in Europa zu stärken und sie in Zukunft wettbewerbsfähiger zu machen. Nachdem die Staats- und Regierungschefs der EU das Budget auf 80 Milliarden Euro gekürzt hatten, kämpfte das Europäische Parlament seitdem für ein höheres Budget für das Programm.

Während Teile der Forschungsgemeinschaft enttäuscht sind, bezeichnete Christian Ehler, Mitglied des Europäischen Parlaments und Sprecher für Horizont Europa für die Europäische Volkspartei, die endgültige Einigung über 95,5 Milliarden Euro als „Sieg für Forscher, Wissenschaftler und Bürger gleichermaßen". Vor allem, weil am Ende beschlossen wurde, dem ERC eine zusätzliche Milliarde Euro zu geben. „Dies bedeutet, dass das Programm kurz- und langfristige Investitionen sicherstellt: Grundlagenforschung, aber auch Unterstützung innovativer Technologien“. Zuverlässige langfristige Investitionen in die Grundlagenforschung sind für die Erzielung von Innovationen von größter Bedeutung, wie die Entwicklung des Covid-19-Impfstoffs gezeigt hat.

Horizont Europa versucht, ein Gleichgewicht zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung zu finden, indem 27% des Gesamtbudgets für Säule 1, 55% für Säule 2 und 14% für die dritte Säule bereitgestellt werden. Mit 16% des Gesamtbudgets können Cluster 3 (Digital, Industrie und Raumfahrt) und Cluster 4 (Klima, Energie und Mobilität) die meisten Mittel für die Verbundforschung innerhalb der zweiten Säule bereitstellen.

Trotz langer Verhandlungen bleiben Unklarheiten  

Obwohl Horizont Europa mit dieser Vereinbarung in 2021 anlaufen kann, ist noch nicht klar, wann genau die ersten Ausschreibungen veröffentlicht werden. Während die ersten Marie-Curie-Calls voraussichtlich im Mai mit einer Frist im November – regulär im Januar – angekündigt werden, könnten die ersten Anrufe der Cluster im April dieses Jahres bereitstehen. Es ist anzunehmen, dass das erste Quartal, in dem es um neue Ausschreibungen der EU-Forschungsförderung geht, eher ruhig ablaufen wird.

Auch die Frage, welche Länder mit Horizont Europa assoziiert werden, ist noch nicht final beantwortet. Nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union wurde zwischen Großbritannien und der EU eine Einigung erzielt, die eine Assoziierung des Landes mit Horizont Europa vorsieht. Das sind gute Nachrichten für Forscherinnen und Forscher, die mit britischen Partnern zusammenarbeiten, auch wenn der genaue Zeitplan für die Assoziierung noch bestätigt werden muss. "Es ist das Ziel, dass britische Institutionen von Beginn an teilnehmen können", heißt es in der offiziellen Erklärung der EU und des Vereinigten Königreichs. Leider wird Großbritannien nicht mehr am Austauschprogramm Erasmus+ beteiligt sein, sondern ab September 2021 ein eigenes neues Turing-Programm einführen. In Bezug auf die Assoziierung der Schweiz mit Horizont Europa und möglicherweise Erasmus+ sind die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen.

Fazit: Horizont Europa als Instrument für die Widerstandsfähigkeit Europas?

„Das neue Rahmenprogramm für Forschung und Innovation für den Zeitraum 2021 bis 2027 ist ein starkes Signal der Europäischen Union für ein wettbewerbsfähiges und zukunftsorientiertes Europa. Es liegt auf der Hand, dass wir die großen Herausforderungen unserer Zeit, wie die Covid-19-Krise und den Klimawandel, nur als Gemeinschaft und kraft der gemeinsamen Anstrengungen aller Mitgliedstaaten bewältigen können“, unterstreicht Anja Karliczek, deutsche Bundesministerin für Bildung und Forschung.

Horizont Europa ist möglicherweise nicht das Programm, auf das die Forschungsgemeinschaft gehofft hat, aber es bleibt das weltweit größte Forschungs- und Innovationsprogramm und das Hauptinstrument für die europäische Forschungskooperation. Europa muss die Zusammenarbeit verstärken, um eine widerstandsfähige Zukunft in Aussicht zu haben. Wissenschaft und wissenschaftlicher Durchbruch bei verschiedenen globalen Herausforderungen sind der Schlüssel zur Suche nach innovativen Lösungen für Bedrohungen wie einer globalen Pandemie. Covid-19 hat gezeigt, wie wichtig Wissenschaft ist und wie stark wir sein können, wenn wir zusammenarbeiten. Wie viele andere Dinge ist auch Horizont Europa am Ende ein politischer Kompromiss. Ein Kompromiss, der uns alle bei der Zusammenarbeit mit unseren hervorragenden Partnern unterstützen kann, um nach den innovativen Lösungen von morgen zu suchen. Also, lasst es uns zusammen nutzen!

Wenn Sie mehr über das neue Europäische Rahmenprogramm für Forschung und Innovation erfahren möchten, organisiert die TUM zusammen mit der LMU am 10. Februar 2021 eine virtuelle Auftaktveranstaltung zu Horizont Europa. Weitere Informationen und Anmeldungen erhalten Sie über den folgenden Link.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Maria-Valerie Schegk.